Kommentare in Fernsehnachrichten

Wie schon der Titel unseres Seminars „Argumentieren in Text und Gespräch“ verrät, haben wir uns mit verschiedenen Formen von Argumentationen befasst. Wir haben versucht, über verschiedene geisteswissenschaftliche Disziplinen die Plausibilität von Argumenten begründen zu können und betrachtet, wie diese sprachlich realisiert werden. Dieser Blogbeitrag befasst sich mit einer besonderen Text- bzw. Gesprächsorte – dem Kommentar in Fernsehnachrichten. Vor allem aus den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern kennt man diese Beiträge zu kontroversen Themen. Nach einem Bericht oder einer Meldung zu einem bestimmten Gegenstand meldet sich ein Journalist oder Experte zu Wort und stellt seine Meinung zum Thema dar. Diese Textsorte ist insofern für unser Seminar wegen des eindeutig argumentativen Charakters relevant. Der Kommentierende vertritt eine These und versucht diese argumentativ zu begründen. Doch so einfach stellt sich die Situation nicht dar, denn im Nachrichtenkommentar findet die Argumentation unter ganz besonderen Umständen statt, die aus der Situation in den Fernsehnachrichten und den Besonderheiten des Mediums Fernsehen resultieren. Zum einen unterscheidet sich die Argumentation im Vergleich zu anderen Medien, dass die Argumentation mündlich vorgetragen wird. Weiter kann man sagen, dass die Kommentare selten ohne Kontext ausgestrahlt werden. Häufig sind sie in einen Beitrag zu einem passenden Thema eingefügt. Eine wesentliche Besonderheit ist, dass die These und die Argumente des Kommentierenden keiner direkten Gegenrede ausgesetzt sind. Zunächst steht der Kommentar im Beitrag für sich. Er wird häufig mit Phrasen wie „Hierzu ein Kommentar von Claus Kleber“ und abgeschlossen mit Sätzen wie zum Beispiel „es kommentierte Claus Kleber“. Der Kommentar steht für sich und wird durch die vor- und nachherigen Aussagen klar als ein solcher gekennzeichnet. Es stellt sich also die Frage, wie die Argumentation in Kommentaren in Fernsehnachrichten im Allgemeinen aufgebaut ist und welchen Einfluss die besondere Situation des Fernsehens auf den Aufbau der Argumentation hat?

Aus wissenschaftlicher Perspektive wären jetzt zwei Schritte sinnvoll, um die gestellten Fragen beantworten zu können. Zunächst sollten verschiedene Fernsehkommentare bezüglich ihres Aufbaus und der Argumentation hin verglichen werden, um dann klären zu können, welche Gemeinsamkeiten sich herauskristallisieren und sich womöglich verallgemeinern lassen. Dann sollte man im zweiten Schritt untersuchen, ob sich diese Eigenschaften der Fernsehkommentare auch bei anderen Text- und Kommentarsorten (z.B. in Zeitungen) finden oder ob sie als typisch für Kommentare im Medium Fernsehen gelten können.
Da man leider in einem Seminar zeitlich etwas begrenzt ist, werde ich im Folgenden nur auf den ersten Schritt eingehen. Hierzu habe ich einen Kommentar zur Böhmermann-Affäre von Frank Bräutigam, Journalist des SWR in Sachen Recht und Justiz, näher betrachtet, der am 15.04.2016 in den Tagesthemen auf einen Beitrag zum Thema Böhmermann folgte. (Der Kommentar ist unter folgendem Link zu finden: https://www.tagesschau.de/kommentar/boehmermann-ermittlungen-regierung-101.html) Die wesentlichen Ergebnisse meiner Analyse versuche ich dann in anderen Kommentaren aus Fernsehnachrichten, die sich mit beliebigen Themen befassen, wiederzufinden.

Frank Bräutigam vertritt in seinem Kommentar die These, dass im Fall Böhmermann die Entscheidung über den Umgang mit dem Gedicht des Satirikers durch die Justiz zu treffen sei. Diese These benennt er erst gegen Ende des Kommentars wörtlich, z. B. wenn er sagt „Also lasst die Justiz doch ihre Arbeit machen“ (zeit?). Die Argumentation, die seine These stützt, baut im Wesentlichen auf nur drei Argumenten auf. Zuerst argumentiert Bräutigam „Die Politik […] pfuscht der Justiz mit unabhängigen Gerichten nicht ins Handwerk. Stichwort: Gewaltenteilung“. Dabei geht er im Grunde von zwei Prämissen aus. Zum einen, dass es nach deutschem Recht in der Bundesrepublik die Gewaltenteilung gibt. Und zweitens, dass es gerecht ist, wenn das geltende Recht befolgt wird. Deshalb kommt er zur Konklusion, dass wenn es Gewaltenteilung gibt, auch die Justiz entscheiden muss, um ein gerechtes Urteil zu gewährleisten. Es fällt bei diesem Argument auf, dass einige Schlagwörter verwendet werden, die bestimmte Assoziationen wecken (in der Sprachwissenschaft spricht man von Frames). So wird zum Beispiel „Gewaltenteilung“ als grundlegendes rechtsstaatliches Prinzip so gut wie unkommentiert als implizites Argument verwendet.

Ähnlich funktioniert auch die Argumentation im zweiten wesentlichen Teil seines Kommentars. Das Argument „Denn wenn sie das nächste Mal in einem anderen Fall fordern: ‚Liebe Politiker, Hände weg von der Justiz!‘, dann ist das nicht mehr glaubwürdig“ beinhaltet eine implizite Argumentation, die von mehreren Prämissen ausgeht. Grob gesagt ist sein Argument hier, dass wenn wir glaubwürdig sein wollen, müssen wir das Urteil der Justiz überlassen. Dabei setzt er drei Prämissen voraus. Zum einen geht er von der Grundannahme aus, dass jeder glaubwürdig sein will („dann ist das nicht mehr glaubwürdig“). Darauf baut die Prämisse auf, dass man nur glaubwürdig ist, wenn man immer das gleiche fordert („wenn sie das nächste Mal in einem anderen Fall fordern“) und abschließend, dass in sonstigen Fällen eine unabhängige Justiz gefordert wird („das nächste Mal in einem anderen Fall fordern: ‚Liebe Politiker, Hände weg von der Justiz!‘“)

Auch das dritte Argument verweist auf eine implizite Annahme. Gegen Ende des Kommentars sagt Bräutigam „[Erdogan] würde dort beobachten können, wie ein Rechtsstaat funktioniert“. Darin verbirgt sich die Prämisse, dass wenn ein Rechtsstaat funktioniert, dann muss die Justiz ein Urteil fällen. Dies sei auch ein gutes Beispiel wie man in einem demokratischen und rechtsstaatlichen System verfahren sollte.

Auf diese drei Argumente stützt Frank Bräutigam seine These. Es fällt auf, dass sich die wesentlichen Argumente auf nur diese wenigen Punkte reduzieren und ein Großteil seines Kommentars keinen argumentativen Charakter hat. Dies mag wohl daran liegen, dass in der besonderen Situation im Fernsehen die Argumente mündlich vorgetragen werden. Damit die Zuschauer dieser Argumentation folgen können, wird sie auf die wesentlichen Punkte reduziert.

Als weitere Besonderheit der Situation im Medium Fernsehen haben wir festgehalten, dass es keine direkte Gegenrede gibt. Der Kommentar steht zunächst für sich und ist nicht Teil einer direkten Diskussion, sondern wird eher als Teil des gesamten Diskurs angesehen. Doch trotzdem wird im Kommentar sehr oft eine imaginäre oder tatsächliche Gegenposition geschaffen, die man dann mit seinen Argumenten zu widerlegen versucht. Diese Praxis zeigt sich hier im Besonderen an zwei Dingen. Zum einen konstruiert Bräutigam hier Gegensatzpaare ohne sie genauer zu definieren. Auf der einen Seite sagt er „finde ich“ oder „hätte ich eine Bitte“, während dem gegenüber „viele“, „Sie“ oder „Alle“. Von wem genau hier die Rede ist wird nicht definiert. Sie werden aber als Position entgegen der des Journalisten dargestellt. Weiter zitiert Bräutigam mehrere Aussagen, von denen weder belegt ist, wer sie gesagt hat bzw. ob sie je gesagt wurden. Beispiele sind „Erdogan soll sich hier nicht einmischen!“, „Ich möchte, dass die Bundesregierung darüber entscheidet, ob die Justiz loslegen darf oder nicht!“ oder „Liebe Politiker, Hände weg von der Justiz!“. Der Journalist schafft hier künstlich eine Gegenposition zu der seinen, um diese dann zu widerlegen und die Zuschauer so von der Stichhaltigkeit seiner Argumente zu überzeugen. Diese Technik wird in der Philosophie als Strohmann-Argument bezeichnet.

Beim Strohmann-Argument […] wird dem Diskussionsgegner eine Annahme unterstellt, die er in der zitierten Weise nicht vertreten hat bzw. nicht vertritt.“ (Benning/Falter/Freisfeld et al.,2011: 133)

Es fällt also insgesamt auf, dass in diesem Kommentar mit nur wenigen klassischen Argumenten (im Sinne der Argumentationstheorie) gearbeitet wurde. Stattdessen werden implizite Argumente und Bewertungen durch verschiedene Schlagwörter ausgedrückt. Zum Beispiel werden wertende Phrasen verwendet wie „ins Handwerk pfuschen“, aber auch Schlagwörter, die mit einem demokratischen und rechtsstaatlichen Selbstverständnis in Verbindung gebracht werden sollen, wie „glaubwürdig“, „Gewaltenteilung“, „Rechtsstaat“ oder „unabhängig“ fallen. Es gibt nur wenige bis gar keine echten Fakten, Beispiele oder Belege für die Argumentation. An deren Stelle treten pathetische Appelle („Mal einen Schritt zurücktreten“ oder „dreimal laut sagen“ Überprüfen). Gerade zu Beginn wird eine Phrase verwendet die meiner Meinung nach für den Kommentar keinerlei Funktion oder Inhalt darstellt. „Das Schöne an Satire ist ja diese zweite Ebene – der Blick dahinter“ ist ein Satz der zwar zunächst gut durchdacht klingt, aber für mich keine ersichtliche Bedeutung oder Zusammenhang zum Thema hat. Auch die Aussage, die dahinter stehen soll, wird mir nicht klar.

An dieser Stelle müsste nun der zweite Schritt des wissenschaftlichen Arbeitens ansetzen. Wie schon eingangs erwähnt, gilt es jetzt die Ergebnisse mit Kommentaren aus anderen Medien zu vergleichen und die empirischen Ergebnisse normativ zu bestätigen. Außerdem müsste man, um die Ergebnisse verifizieren zu können deutlich mehr Kommentare auswerten. Trotzdem kann man sagen, dass die besondere Situation des Fernsehens schon einen besonderen Einfluss auf die Zahl der Argumente und deren sprachliche Ausgestaltung hat. Ob sich dies bei weiteren Kommentaren bestätigen lässt, ist noch zu überprüfen.

©Manuel Kasper

Literatur- und Quellenverzeichnis

  • Kommentar zur Böhmermann-Affäre von Frank Bräutigam (SWR), in „tagesthemen“ vom 15.04.2016: „Der Justiz nicht ins Handwerk pfuschen“ abrufbar unter: https://tagesschau.de/kommentar/boehmermann-ermittlungen-regierung-101.html
  • Benning, Victoria/Falter, Isabell/ Freisfeld, Adrienne et al. (2011): Argumentationsanalyse von Kommentaren in einem Forum der BBC zum Rauchverbot. In: Behrens, Leile/Stieghorst, Florian (Hrsg.): ARBEITSPAPIER NR. 56 – Argumentieren im Internet – Zwei argumentationstheoretische Analysen. Inst. für Linguistik, Allg. Sprachwiss. Köln. 117-186.

Zwischen Shitstorm und echten Argumenten – Wie wird in sozialen Netzwerken argumentiert?

Für die meisten Menschen sind soziale Netzwerke heutzutage nicht mehr aus ihrem Alltag wegzudenken. Gerade in den letzten 10 bis 15 Jahren konnten sich die Netzwerke, dank des immensen technischen Fortschritts, immer mehr Nutzer generieren. Auch solche, die noch vor einigen Jahren nicht viel mit dem Internet anfangen konnten. Sicherlich haben kleinere und leistungsfähige Geräte wie Tablets oder Smartphones einen großen Teil dazu beigetragen. Doch auch wenn Plattformen wie Facebook oder Twitter seit Jahren in der öffentlichen Wahrnehmung ihren Platz gefunden haben, gibt es auch einige, die sich nicht längerfristig auf dem Markt halten konnten. Einige können sich vielleicht noch an Portale wie Schüler/StudiVZ, MySpace oder Wer-kennt-wen erinnern, deren Datenbanken längst nicht mehr existieren. Gerne reden wir hierbei von sozialen Netzwerken oder verwenden englischsprachige Begriffe wie „social media“. Doch wie genau könnte man ermitteln, welche Plattform dazu gehört und welche nicht? Was ist mit Foren oder mit Youtube? Sind dies ebenso soziale Netzwerke?

Was sind soziale Netzwerke?

Für erste Hinweise zur Definition, nahmen wir das Internet zu Hilfe. So schreibt zum Beispiel gründerszene.de: „Social Networks sind soziale Netzwerke im Internet, in denen Freunde, Bekannte oder Fremde mit gleichen Interessen aufeinander treffen und sich digital vernetzen“. Eine Begriffserklärung, die sicherlich auch von jedem alltäglichen Benutzer so ähnlich definiert werden könnte. Aus unserer Sicht ist lediglich der Punkt des „gleichen“ Interesses nicht ganz richtig. Es braucht sicherlich einen gemeinsamen Gegenstand der als Ausgangspunkt dient, wobei man auch hier in einer Art Gesprächsverlauf vom ursprünglichen Gegenstand sich wegbewegen kann. Eine leicht veraltete Definition, aufgrund der älteren Beispiele, ließ sich im Wirtschaftslexikon Gabler auffinden: „Im Zuge des Web 2.0 entstandene, virtuelle Gemeinschaft, über die soziale Beziehungen via Internet gepflegt werden können. Soziale Netzwerke können themenorientiert sein, wie sog. Business Netzwerke, oder rein sozialer Kommunikation dienen wie z.B. Schüler- und Studierendennetzwerke“.
Unter diesen Gesichtspunkten könnte man Youtube im erweiterten Sinne auch als ein soziales Netzwerk auffassen, auch wenn die Kommunikation nur indirekt ein Hauptmerkmal dieses Portals ist. Mal abgesehen von den ganzen Youtuber-Channels, die meist konkretes Feedback einfordern, ist Youtube ursprünglich ein Videoportal gewesen. Foren, sind trotz des oftmals eher eingeschränkten Themengebiets ebenso soziale Netzwerke, historisch gesehen sind sie auch um einiges älter als neuere Plattformen wie Facebook oder Twitter.
Ein Blick in die Literatur der Sprachwissenschaft offenbarte, dass die Internet-Lexika sehr nah an wissenschaftlichen Erkenntnissen sind. Marx und Weidacher definieren „social media“ wie folgt: „Das Social Web ist ein Teilbereich des Web 2.0. Dieser Begriff umfasst die Bereiche des Webs, bei denen es um die Unterstützung sozialer Interaktionen und den Aufbau und die Festigung sozialer Gemeinschaften über das Internet geht“ (Marx/Weidacher 2014: S. 70). Zudem nennen Sie die Selbstorganisation als einen wichtigen Teil des Social Webs, der zu einer Art Demokratisierung führt (ebd.). Zur weiteren Literatur ist zudem das Buch „Social Web“ von Ebersbach/Glaser/Heigl zu empfehlen.

Untersuchungsgegenstände und Fragestellung

Unabhängig von der Schwierigkeit der Definition, haben wir uns dazu entschlossen, dass wir uns vor allem auf Facebook als Plattform beschränken. Die entsprechenden Analysen werden mit Hilfe von Beispielen rund um das Thema Fernsehen veranschaulicht.
Wie schon in der Überschrift dieses Beitrages zu erkennen, wollen wir untersuchen wie in sozialen Netzwerken argumentiert wird. Um zu verdeutlichen was Argumente sind oder wie sie aussehen können, stellen wir diesen Aussagen mit reiner Meinungsäußerung ohne Begründungen entgegen. Dabei wird versucht dem Internet-Phänomen des „Shitstorms“ auf den Grund zu gehen. Gezeigt werden soll dabei aber ebenso, dass es in der Praxis durchaus eine gewisse Schwierigkeit gibt, Argumente zu identifizieren und dabei wissenschaftliche Modelle nicht immer 1:1 übertragbar sind.

Zur Definition von Shitstorm

Die Schwierigkeit ein Internetphänomen zu definieren liegt darin, dass das Phänomen in einem Medium stattfindet, welches sich im stetigen Wachstum befindet und sich daher durchgehend weiterentwickelt. Das Internetphänomen Shitstorm, erfährt ähnlich wie das Medium selber, eine kontinuierliche Veränderung die sukzessiv, vor sich geht.

Eine zunehmende Wahrnehmung erlangte der Begriff im Jahr 2010, als der Onlineexperte Sascha Lobo diesen auf der Internetkonferenz „re:publica2010“ verwendete. Er betonte, dass bei einem Shitstorm „in kurzem Zeitraum eine subjektive große Anzahl von kritischen Äußerungen getätigt wird, von denen sich zumindest ein Teil vom ursprünglichen Thema ablöst und stattdessen aggressiv, beleidigend, bedrohend oder anders attackierend geführt wird.“

Im Jahr 2011 wurde das Wort Shitstorm zum Anglizismus des Jahres gewählt. Für das vor allem im Internet gebräuchliche Wort gebe es keine passende deutsche Übersetzung, begründete die Jury ihre Entscheidung.
Das Wort bezeichnet eine unvorhergesehene, anhaltende, über soziale Netzwerke und Blogs transportierte Welle der Entrüstung über das Verhalten öffentlicher Personen oder Institutionen, die sich schnell verselbstständigt und vom sachlichen Kern entfernt und häufig auch in die traditionellen Medien hinüber schwappt. „Shitstorm“ füllt eine Lücke im deutschen Wortschatz, die sich durch Veränderungen in der öffentlichen Diskussionskultur aufgetan hat.
Der Duden wiederum definiert einen Shitstorm als „Sturm der Entrüstung in einem Kommunikationsmedium des Internets, der zum Teil mit beleidigenden Äußerungen einhergeht“. Der Begriff Shitstorm bezieht sich vor allem auf „Blogbeiträge oder -kommentare, Twitternachrichten oder Facebook-Meldungen“.

Alle hier aufgelisteten Definitionen haben gemeinsam, dass sie Shitstorm als eine Welle, Sturm oder große Anzahl von Äußerungen beschreiben. Die Quantität der Äußerungen wird also durch das Rechtsglied, storm (dt.: Sturm), in der Komposition Shitstorm metaphorisiert. Man könnte nun so weit gehen und sagen, wenn Storm die Quantität beschreibt, dann ist shit (dt.: Scheiße), die qualitative Beschreibung des Phänomens.

Die Qualität der Äußerungen oder Kommentare im Internet, ist jedoch genau das, worauf es bei der Analyse ankommt. Zwar kann ich ähnlich wie das Social-Media-Monitoring-Unternehmen Business Intelligence Group im Juni 2012 ein Analysemodell benutzen, um die Schwere eines Shitstorms festzstellen, indem ich die Beitragsanzahl in Relation zur normalen Beinratsanzahl messe. Jedoch hat man damit noch nichts über die Qualität der Beiträge ausgesagt. Ob es sich wirklich um „shit“ handelt müsste durch eine andere Analysemethode festgestellt werden. Gleichzeitig kann man sich fragen ob ein Sturm nicht eben genau das ist, ein Durcheinander von kritischen Diskussionen, Störungen, negativen Kommentaren und Beleidigungen, die wild im Netz umher wehen und in denen keine klare Struktur erkennbar ist. Wäre das der Fall, dann wäre die Definition von Shitstorm hauptsächlich an der Quantität der Beiträge festzumachen.

Abschließend kann man zur Definition von Shitstorm sagen, dass es sich zu einem Modewort entwickelt hat, das umgangssprachlich für nahezu jede Häufung kritischer Meinungen und Inhalte im Netz steht. Zusätzlich erfährt der Begriff in Deutschland eine zunehmende Bedeutungserweiterung, da generell zwischen einem Shitstorm und Krisen, Konflikten, Störungen, kritischen Diskussionen […] nicht mehr klar getrennt wird.
Man muss an dieser Stelle aber auch darauf hinweisen, dass man trotz der kritischen Beiträge innerhalb eines Shitstorm auch Kommentare mit themenbezogenen Argumenten auffinden kann. Dies wird im Folgenden auch anhand zweier Beispiele erklärt.

Beispiele für Shitstorm

Am 28.12.2012 braute sich über der Fanpage von „RAN“ ein mittelschwerer Shitstorm zusammen. Viele Fans empfanden die zahlreichen Werbepausen schlicht als Frechheit und ließen ihrem Ärger auf Facebook freien Lauf. „Gestern Abend brachte Sat 1 einen der geilsten Werbeblocks, die ich je gesehen habe, der nur durch diesen nervigen Super Bowl unterbrochen wurde“, schrieb ein Kommentator. Die Mehrzahl der Fans nahm die Sache allerdings mit deutlich weniger Humor.
Mit 431 Kommentaren (Stand 09.07.16) ist auf der Facebook-Seite von RAN ein mindestens mittelschwerer Shitstorm auszumachen. Dies ist messbar durch die normalen Beitragszahlen, welche ungefähr bei 15 Kommentaren pro Post liegen.

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Durch schnelles Überfliegen der Kommentare kann man schon erkennen das beim RAN-Beispiel die negativen Kommentare stark überwiegen. Hier ist der Shitstorm klar festzustellen auch wenn einige Kommentare niveauvoller geschrieben sind als man es vermuten würde.

So schreibt ein User: „Viele Leute checken nicht, dass Sat.1 sich durch Werbung finanziert. ARD und ZDF kriegen ja GEZ-Gebühren. Natürlich war es Scheiße, dass so viel Werbung gespielt wurde, aber beschwert euch nicht, ihr habt es UMSONST geschaut.“

Diesen Kommentar könnte man durchaus noch als konstruktive Kritik verstehen, da er darauf hinweist, dass die Sender Werbung zeigen müssen um sich zu finanzieren. Zudem versucht er noch andere User zu beschwichtigen. Dennoch ist er als negativer Kommentar zu verbuchen, da er auch der Ansicht ist, dass zu viel Werbung gezeigt wurde.

Qualitativ auf einer ganz anderen Ebene ist der folgende Kommentar:
„Absoluter Mist….. Bei Sat.1 arbeiten nur Trottel und Idioten… DAs war der schlechteste TV super bowl aller aller zeiten und die, die noch kommen werden. Die NFL sollte Sat.1 verklagen….Absoluter Mist… Der FRauen sender tm3 hätte es sogar besser verpackt… nächste jahr, werde ich frühzeitig zum boykott aufrufen… Idioten von sat.1“

Dieser User gibt ein wunderbares Beispiel für einen Shitstorm-Kommentar, da er eindeutig seinen Frust und Ärger über den Sender ablädt und zudem noch das tut, was das Ziel vieler User bei einem Shitstorm ist: Er will den Betreffenden schlecht machen in der Öffentlichkeit, bzw. boykottieren. Zudem ist dieser Kommentar ein treffendes Beispiel, da zusätzlich Beleidigungen in den Kommentar einfließen. Der Shitstorm trägt bei diesem Kommentar, im Gegensatz zum vorherigen Beispiel, seinen Namen zurecht.

Zuletzt sei noch kurz vermerkt, dass RAN selbst mindestens zwei Mal ebenso mit kommentiert. Dabei handelt es sich um den Versuch der Beruhigung der Fans, aber auch der Zusammenfassung der Hauptkritikpunkte.

Echte Argumente? Beispiele für Argumentation

Argumentation nachzuweisen bzw. zu verdeutlichen ist ein nicht einfaches Unterfangen. Selbst in der Wissenschaft gibt es kein einheitliches Modell oder gar eine einheitliche Definition. „Größtenteils Einigkeit herrscht darüber, dass eine Argumentation wenigstens aus einem Claim (Behauptung) und dessen Begründung bestehen soll“ (Rothstein/Müller 2013: S. 3). Desweiteren ist Argumentieren immer in einen kommunikativen Kontext eingebunden (Monolog oder Dialog) und Argumente sind meist angreifbar, wodurch sie sich vom reinen Erklären unterscheiden (ebd.).
Für die Beispiele mit Argumentation haben wir uns für das Modell von Toulmin entschieden. Näheres dazu findet ihr auch im Blogbeitrag über die Satire in der Politik, in dem dieses genauer erklärt wird. Die Auswahl für das Modell erfolgte, ebenso wie die Beispiele, willkürlich und diente nur zum Zweck der Darstellung von Argumentation.

Genauso wie die Shitstorm-Beispiele bei RAN, zielen die Kommentare beim nächsten Beispiel auf Kritik an der Art der Häufigkeit von Werbepause ab. Erneut geht es um Sportübertragungen, genauer gesagt um die Formel 1 bei RTL. Interessanterweise handelt es sich bei den kommenden Beispielen um welche, die nicht auf der Fanpage „Formel 1 bei RTL“ stehen, sondern auf der von RTL selbst. Diese teilte am 12.06.16 zu Werbezwecken einen Post zum kurz darauf stattfindenden Grand Prix von Kanada. Insgesamt wurde 143 mal kommentiert, wobei auch hier RTL sich mehrfach selbst zum Thema äußerte.

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Wie man am leicht versetzten Balken vielleicht erkennen kann, sind all diese Kommentare direkte Antworten. Und zwar auf die allererste Rückmeldung, die wenig positiv ausgefallen ist und zudem die meisten Likes (75) bekommen hat. Neben den überwiegt kritischen Beiträgen lassen sich, analog zum RAN-Beispiel, auch einige humoristische und sachlich formulierte Kommentare finden.
Das erste Beispiel soll der Kommentar von Maurice sein, der RTL direkt anspricht. Wenn man das Toulmin-Schema nun darauf anwenden will, dann geht dies wie folgt von statten:

These: RTL berichtet unseriös.
Argument: Egal was auf der Rennstrecke passiert, es wird alles für den deutschen Fahrer und gegen den Konkurrenten ausgelegt.
Stütze: Bei jeder Kleinigkeit wird ein Hamilton maßlos kritisiert und im Gegenzug der Herr Rosberg bei jeder Kleinigkeit heroisch gefeiert.
Schlussregel: Weil alles was auf der Rennstrecke passiert für den deutschen Fahrer und gegen den Konkurrenten ausgelegt wird, berichtet RTL unseriös.

Man kann also erkennen, dass das eher einfach Modell von Toulmin gut auf den Kommentar anwendbar ist. Damit kann man also den Kommentar als argumentativ, im Sinne des Schemas, bezeichnen. Trotzdem können zwei Dinge des Kommentars nicht abgebildet werden. Zum einen das Gegenbeispiel wie man es „richtig“ macht (in Bezug auf Sky und die BBC) und zum anderen das nicht gerechtfertigte Verhältnis von Werbung zu Rennminuten (19m vs. 45m).
Auch im folgenden Beispiel (Kommentar von Heiko) zeigt sich die Anwendbarkeit des Toulmin-Schemas.

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These: Übermäßige Werbung ist nicht sinnvoll.
Argument: Bei noch 10 verbleibenden Runden und 8 Runden Werbung, sieht man nur noch die Zieleinfahrt.
Schlussfolgerung: Wenn von 10 verbleibenden Runden 8 durch Werbung unterbrochen werden, dann ist die Werbung nicht sinnvoll und man kann das Rennen auch gleich sein lassen.

Zugegebenermaßen ist die Anwendung bei diesem Beispiel etwas erzwungen. Zumal aus dem deutlich längeren Kommentar vieles nicht abgedeckt ist. Auch hier wird wieder ein Gegenbeispiel gegeben (früher wurden Rennen komplett gezeigt). Zudem wird weitere Kritik an der veränderten Ausstrahlung der Formel 1 (kürzere Berichterstattung und Streichen der Wiederholungen) aufgeführt. Desweiteren fehlen die etwas anders gelagerten Argumente rund um einen neuen Sender (RTL Plus als „Wiederholungssender“) und dem Vorschlag zur Quotenmessung der Werbung, um deren niedrige Relevanz zu zeigen.

Wir hoffen, dass man mit diesen Beispielen noch einmal gezeigt zu haben, wie Argumentation erfassbar gemacht werden können und die Schwierigkeit bei der Anwendung von theoretischen Modellen auf Praxisbeispielen.
Zudem sei festgehalten: Egal wie groß (quantitative Ebene) oder medial präsent ein Shitstorm ist, findet man innerhalb dessen auch immer wieder Kommentare mit argumentativer Struktur und somit auch „echten“ Argumenten. Ein Shitstorm schließt Argumentation also nicht aus, auch wenn Kommentare mit sprachlich negativ-konnotierten Wörtern und inhaltlicher Abweichung vom Thema die Überhand besitzen.

©Matthias Ohlinger und Daniel Kuntzer

Quellen:

Ebersbach, Anja/Glaser, Markus/Heigl, Richard (2011): Social Web. 2., vollig überarbeitete Auflage. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft.

Marx, Konstanze/Weidacher, Georg (2014): Internetlinguistik. Ein Lehr- und Arbeitsbuch. Tübingen: Narr Verlag. S. 70.

Rothstein, Björn/Müller, Claudia (2013): Kernbegriffe der Sprachdidaktik Deutsch. Ein Handbuch. Baltmannsweiler: Schneider Verlag. S. 3-5.

Salzborn, Christian: http://opus.uni-hohenheim.de/volltexte/2015/1110/ (zuletzt abgerufen am 01.07.2016)

Wie wird schöngeredet, oder germanistisch: wie werden Argumente und Aussagen plausibel gemacht oder als absurd dargestellt?

Verkaufsargumentationen sind jedem bekannt. Sie kommen in Formen wie Kaufberatungen, Tech-Guides, Rezensionen oder direkten Verkaufsgesprächen vor.

In diesem Blogbeitrag befassen wir uns mit den Argumenten in einem Ratgeber, der für die Anschaffung eines Tablets wirbt. Der Artikel stammt aus dem Jahr 2011 und ist betitelt mit:

5 Gründe, warum sich für Sie ein Tablet lohnt„.

In unserem Beitrag möchten wir exemplarisch einige Argumentationen aus dem Artikel auf verschiedene Aspekte hin untersuchen. Dabei erhoffen wir uns, ein System zu entdecken, mit dem wir viele Argumente auseinandernehmen und auf Überzeugungskraft untersuchen können.

Autoren solcher Ratgeber/Werbetexte setzen viele verschiedene Mittel ein, um den Leser zu einem Kauf zu überzeugen oder um eine Empfehlung plausibel zu machen. Nicht alles entspricht dabei der Wahrheit, hingegen ist es auch unüblich dem Leser etwas vorzulügen. Meist genügt es, die Wahrheit ein wenig zu verschönern oder zu verzerren, um eine nebensächliche Sache als etwas viel wichtigeres darzustellen, das sich für den Großteil der Leser plötzlich interessant anhört. Wir reden hierbei von einer “Verstehensumgebung”, die der Autor versucht dem Leser unterzuschieben (siehe Unser Modell). Hat man als potentieller Kunde die rechten Werkzeuge an der Hand um solches zu erkennen, ist ein informativer Kauf (oder auch nicht) garantiert.

In dem Artikel möchte der Autor beim Leser Interesse an Tablets wecken, in dem er Situationen beschreibt, in denen der Einsatz eines Tablets sinnvoll wäre. In fast jeder dieser Situationen liegt der Einsatz eines mobilen Gerätes klar im Vorteil gegenüber traditionellen Medien. Er bedient sich an einer Reihe von rhetorischen Mitteln, die wir uns im Folgenden etwas genauer anschauen wollen.

Unser Modell

In wissenschaftlichen Gesprächen (egal ob mündlich oder schriftlich) ist der Bezug zu den Forschungsergebnissen anderer Wissenschaftler wichtig, um für andere verständlich zu sein, und auf den aktuellen Forschungsstand aufzubauen. Es gibt ein großes Angebot an wissenschaftlicher Literatur, sodass es eine wichtige Aufgabe darstellt, den Faden eines Wissenschaftlers zu finden, an den man anknüpfen möchte. Wir verwenden Begriffe und Modelle aus einem Text von Martin Böhnert und Paul Reszke. Einige Modelle aus diesem Text sind optimal, um unsere Forschungsfrage zu beantworten: Über die dort untersuchten Texte wird gesagt:

“In beiden Beispielen wird jeweils auf bestimmte Wissensstände Bezug genommen, sowohl auf unspezifisches Alltagswissen als auch auf spezifisches Fachwissen. Immer wird derjenige Wissensbereich, der dem Autor für seine Argumentation dienlich ist, als mit den Leserinnen und Lesern geteilt vorausgesetzt.”

Böhnert & Reszke, 2014, S. 48

Bei unserer Analyse wird sich sehr ähnliches zeigen, dass der Text zum Beispiel eine bestimmte Verstehensumgebung für Argumente (etwa durch Vergleiche) selbst herstellt, um, wie oben, der Argumentation zu dienen. Diese Umgebung kann Prämissen, Wissen oder Anschauungen enthalten. Da jeder Leser vor der Lektüre des Textes mit anderen, individuellen Anschauungen und Wissen ausgestattet ist, interessiert uns, wie der Text eine Umgebung voraussetzt oder zu schaffen versucht. Die Verstehensumgebung ist also Voraussetzung um Konzepte zu begreifen, wie etwas für plausibel oder absurd zu halten; sie ist die Basis, die entscheidet, ob der Text seine intentionale Wirkung entfalten kann, ober er beim Leser ‘ankommt’.

Ein Argument bewegt sich darin auf einer Skala von offenkundig bis hin zu absurd. Für uns ist von besonderem Interesse, wie Argumente und Umgebung angepasst werden, um als eines der Extreme auf der Skala zu gelten.

Unbenannt(Böhnert & Reszke, 2014, S. 45 bis 52)

Textuntersuchung

Die These des von uns untersuchten Textes wird schon in seiner Überschrift deutlich: Er behauptet, dass der Kauf eines Tablets sinnvoll ist. Die Argumente, welche diese These stützen stammen aus den Bereichen der Arbeitserleichterung, Unterhaltung und Effizienz. Das Argumentieren basiert häufig auf einem Vergleich verschiedener Produkte, wo stets plausibel gemacht wird, dass das Tablet die gewünschte Anforderung am besten erfüllt.
So wird zum Beispiel dargestellt, dass das Tablet sich erheblich leichter transportieren lässt, als ein Heimcomputer. An anderer Stelle wird deutlich gemacht, dass der kleine Bildschirm des Smartphones ungeeignet für Eingaben im Web sei, und somit hier das Tablet wiederum effektiver zu bedienen sei. Auch die Vergleiche mit dem Buch (höhere Masse und deshalb unkomfortabel) und dem TV (Zugang zu Videotheken) werden nicht gescheut.
Hier wird deutlich, wie die Verstehensumgebung des Lesers beim Lesen bewusst durch die Auswahl eines Vergleichsgegenstandes gesteuert werden soll.

Weitere Analysebeispiele:

Wie bereits im Modell- und Untersuchungsteil aufgezeigt wurde, kann sich ein Autor verschiedener Methoden bedienen, um ein Argument plausibel erscheinen zu lassen oder es als absurd darzustellen. Der von uns untersuchte Text arbeitet vor allem mit Vergleichen zwischen den jeweiligen Geräten und bezieht damit auch in einer gewissen Form das Wissen der Leser über den besprochenen Gegenstand oder das jeweilige Szenario mit ein. Doch werden nicht nur Vergleiche angestellt, um das Argument plausibel zu machen, sondern gleichzeitig findet auch eine Besetzung des Gegenstands statt. Unter Besetzung kann verstanden werden, dass der Gegenstand mit bestimmten Eigenschaften versehen wird, die der Textproduzent als positiv darstellt oder von der Leserschaft als positiv wahrgenommen werden. Ein Beispiel dafür direkt aus dem Kaufratgeber:

“Wer anfangs zum Beispiel nur ein iPad gekauft hat, um darauf seine digitale Comic-Sammlung auszulagern, der entdeckt bald die Möglichkeiten für praktischere Aufgaben, wie die schnelle Suchanfrage im Web, das übersichtliche Verwalten von Terminen und unkomplizierte und bequeme Abrufen und Beantworten von E-Mails. […]”

In diesem Abschnitt geht der Autor auf die verschiedenen Funktionen und noch wichtiger, all die Möglichkeiten ein, die dem Benutzer eines iPad-Tablets zur Verfügung stehen; es kann überall und unkompliziert benutzt werden, man kann nach Belieben auf seine Daten (private und berufliche) zugreifen und hat zudem noch den Vorteil, dass man weder temporär noch lokal gebunden ist. In dieser Aussage ist mehr enthalten, als nur ein einfacher Vergleich zu den Kaufalternativen, nämlich die Besetzung des Tablets mit Eigenschaften wie z.B. Mobilität, Produktivität, Effizienz und ultimativ, einer Art von persönlichen Freiheitsbegriff. Man ist nicht zeitlich oder lokal gebunden an seine Arbeitsvorgänge, wenn man über ein Tablet verfügt; man kann seine Arbeit oder sein Vergnügen überall mit sich tragen und jederzeit, nach eigenem Verlangen abrufen oder, was der Text auch damit andeutet, jederzeit erreichbar zu sein und trotz körperlicher Abwesenheit, dennoch effizient an Arbeitsprozessen teilhaben kann.

Somit wird das Argument für den Kauf eines Tablets nicht nur plausibel gemacht, sondern es ist offenkundig notwendig sich ein Tablet zu kaufen, wenn man nicht auf den Luxus einer uneingeschränkten Produktivität bzw. Mobilität verzichten möchte.

©Lukas Daum, Andreas Rudolph, Savvas Hajiraftis

Argumentation in der Satire

Die Kunstform der Satire taucht zwar schon in dem Mittelalter auf, allerdings wurde sie erst im letzten Jahrzehnt bei den Menschen populär. Im Rahmen des Seminars „Argumentation in Text und Gespräch“ spezialisierte sich unsere Gruppe auf einen Text in der Satire. Da wir alle außerdem Politikwissenschaft studieren, wählten wir einen Satiretext über die Alternative für Deutschland, der im April 2016 im Postillon veröffentlicht wurde.

(Quelle: http://www.der-postillon.com/2016/04/afd-in-wahrheit-von-merkel-gegrundete.html)

AfD in Wahrheit von Merkel gegründet Fake-Partei um Volk ruhigzustellen

Mit Hilfe der Beweise, die dem Postillion vorliegen, sei der Erfolg der AfD in Deutschland zu erklären. Die AfD sei, laut dem Blatt, von Angela Merkel persönlich gegründet worden. Das Ziel dieser Maßnahme sei es, parteiinterne Kritiker und kritische und besorgte Bürger ruhigzustellen. Der Zeitung liegen Ordner, Aufzeichnungen und die originalen Gründungspapiere der Partei vor, die diese These unterstützen. Des Weiteren seien Fotos aus dem Jahr 2013 aufgetaucht, die das Gründungstreffen dokumentieren sollen.

Außerdem soll die AfD A. Merkel dazu dienen, ihre Kontrolle zu sichern. Bei Politikfeldern, die außerhalb des Rahmenprogramms der Union liegen, soll die AfD unterstützend wirken, damit A. Merkel nicht die Kontrolle über die Wählerschaft verliere. Dies wird mit einer Passage aus den Gründungspapieren der AfD im Artikel belegt.

Darüber hinaus liegt dem Postillion eine Aussage eines Mitarbeiters des Innenministeriums vor, der die These, dass die AfD von A. Merkel gegründet worden sei, ebenfalls bestätigt. Laut diesem Mitarbeiter sollten parteiinterne Eurokritiker der Union mit Hilfe der AfD zum Schweigen gebracht werden. Außerdem behauptet er, dass der Führungswechsel der AfD auf Vorschlag von A. Merkel vollzogen wurde, da Bernd Lucke 2015 nicht den Wünschen von A. Merkel gefolgt sein soll. Lucke hatte sich dagegen gesträubt, die Partei während der Flüchtlingskrise rechter auszurichten. Dies führte dazu, dass die Parteiführung zu Frauke Petry und Jörg Meuthen wechselte. Außerdem berichtet der Mitarbeiter, dass provokante Aussagen der Partei von A. Merkel persönlich an die AfD weitergeleitet wurden. Laut Postillion besteht die Möglichkeit, dass Merkel ihre Macht mit Hilfe einer Partei-Verschmelzung bei den Bundestagswahlen 2017 zu einer weiteren Machtsicherung von 25 Jahren führen kann.

(Quelle: http://www.der-postillon.com/2016/04/afd-in-wahrheit-von-merkel-gegrundete.html)
Bevor wir verschiedene Theorien unter die Lupe genommen und eine Analyse unseres Artikels durchgeführt haben, überlegten wir uns drei Fragestellungen, auf die wir in der Analyse eingehen wollen.

Zum einen wollten wir untersuchen, inwiefern Satiretexte Argumente glaubhaft erscheinen lassen. Des Weiteren zielte die Untersuchung darauf ab, zu erkennen, wie Ironie, Sarkasmus, Witz und Übertreibungen dazu beitragen. Zuletzt sollte gezeigt werden, dass es auch in der Satire einen roten Faden in der Argumentation gibt. Um nun theoretische Grundlagen für die Analyse zu schaffen, haben wir einen Blick auf verschiedene Theorien in der Argumentation geworfen. Viele Modelle ließen sich allerdings nicht auf Satiretexte anwenden. Das Toulmin-Schema in der Argumentation enthält allerdings einige Aspekte, von denen wir Gebrauch machen werden.

Das Toulmin Schema

Der Syllogismus bildet die Grundlage unseres Argumentierens. Er besteht aus Prämissen (Voraussetzungen) und einer Konklusion (Schlussfolgerung).

 

Aristoteles schrieb in der Nikomachischen Ethik: „Wenn man nämlich weiß, dass leichtes Fleisch gut verdaulich und gesund ist, nicht aber weiß, welches Fleisch leicht ist, so wird der nicht die Gesundheit schaffen können; das wird eher jener können, der weiß, dass das Geflügelfleisch leicht verdaulich ist.“ (Aristoteles, Nikomachische Ethik, 1141b, 14-20)

 

Das lässt sich dann wie folgt darstellen:

  1. Leichtes Fleisch ist gut verdaulich und gesund.
  2. Geflügelfleisch ist leichtes Fleisch.
  3. Also: Geflügelfleisch ist gut verdaulich und gesund

 

Das bedeutet, dass die Wahrheit der Schlussfolgerung auf der Wahrheit der Prämissen basiert und der Schluss logisch korrekt gezogen wurde. Nehmen wir mal das Beispiel:

 

  1. Alle Menschen sind sterblich. (Prämisse, Obersatz)
  2. Angela Merkel ist ein Mensch. (Prämisse Untersatz)
  3. Angela Merkel ist sterblich. (Schlussfolgerung)

 

Wenn wir jedoch folgendes Beispiel verwenden, stellen wir fest, dass die Schlussfolgerung nicht korrekt ist.

 

  1. Alle Enten haben zwei Beine.
  2. Angela Merkel hat zwei Beine.
  3. Angela Merkel ist eine Ente.

 

 

Als Beispiel für das Argumentationsschema von Stephan Toulmin haben wir folgende Darstellungsform gewählt:

 

Lisa ist eine gute Schülerin (Argument), deshalb (Schlussfolgerung, These) wird sie es im Berufsleben weit bringen, wenn nicht (Ausnahmebedingung) ihre Leistungen bis zum Abitur nachlassen. Denn (Schlussregel) wer ein guter Schüler ist, hat auch gute Chancen im späteren Berufsleben. Aufgrund von (Stützung der Schlussregel) Statistiken die den Zusammenhang von schulischer Leistung und Berufschancen belegen.

 

(Toulmin-Schema – Quelle: https://lehrerfortbildung-bw.de/faecher/ethik/gym/fb2/3_argument/1_stationen/l1/ )

 

Für die Vorgehensweise legte sich unsere Gruppe somit weder auf eine deduktive Herangehensweise, bei der man eine Argumentationstheorie auf verschiedene Texte anwendet, noch eine induktive Vorgehensweise, die eine Theorie aus den Texten zieht, fest. Somit analysierten wir unseren Text mit einer Verknüpfung aus Deduktion und Induktion. Aus dem Tulmin-Schema zogen wir die zwei Begriffe „gültig“ und „wahrheitsgemäß“ heraus. „Gültig“ bedeutet, in Bezug auf unseren Satiretext, dass Argumente dann gültig sind, sobald, ohne jegliches Vorwissen betrachtet, die These und die Prämissen plausibel sind. Der Begriff „wahrheitsgemäß“ grenzt sich ab, indem er mit genutztem Vorwissen die Satireargumentation untersucht und nach wahr und unwahr prüft.

Der im Postillon veröffentlichte Text wirft die Hauptthese auf, dass die Alternative für Deutschland von der Bundeskanzlerin Angela Merkel selbst gegründet wurde. Die These wird im Verlauf des Textes mit fünf Argumenten unterstützt.

Das erste Argument besagt, dass Angela Merkel damit kritische Bürger ruhig stellen wollte. Somit sollen besorge Bürger, wie das zweite Argument aussagt, „in einer Partei gebündelt werden, die voll unter der Macht von Merkel und Co. steht.“ (Postillon, 2016) Des Weiteren wird die These durch das Argument gestützt, dass Angela Merkel die Partei gegründet habe, damit sie die AfD auf einen anderen Kurs umschwenken kann, sobald sie eine große Wählerschaft habe. Das vorletzte Argument sagt aus, dass durch die Einführung der Partei, Wähler rechts von CDU/ CSU nicht verloren gehen, sondern die Alternative für Deutschland wählen. Mit dem letzten Punkt wird argumentiert, dass die Bundeskanzlerin „Eurokritiker in den eigenen Reihen loswerden“ wollte. (Postillon, 2016)

Anhand dieser Argumente lässt sich zeigen, dass es keine Pro-und Contra-Argumentation gibt. Es wird nur eine Seite beleuchtet und diese immer weiter gestützt und ausgeführt. Die aufgezählten Argumente sind in ihren Themengebieten nicht breit gefächert sondern in ihrem Inhalt ähnlich zueinander, wie zum Beispiel Argument 1 und Argument 5, die sich beide auf kritische Bürger beziehen. Im Verlauf des Textes wird die These, dass die Bundeskanzlerin Angela Merkel die Partei gegründet habe, immer weiter ausgebaut und es gibt keine Stelle in dem Artikel, die Gründe aufzeigt, warum sie es nicht getan haben soll.

Wirft man einen Blick auf die Beweise, bzw. die Stützen, die die Argumente noch weiter bekräftigen, so erkennt man, dass mit vielen verschiedenen Mitteln gearbeitet wird. So werden zum einen Aktenordner mit Aufzeichnungen und Gründungspapieren aufgezeigt, ein Foto vom Gründungstreffen in einer Berliner Bar im Jahr 2013 veröffentlicht, Augenzeugen zitiert und Zeilen aus dem Gründungsvertrag wiedergegeben. Als weitere Stütze dient ein Mittelsmann, der einen Mitarbeiter des Innenministeriums zu einer Aussage bewegt und schließlich eine SMS, die von Angela Merkel an Frauke Petry geschrieben wurde.

In dem Satiretext werden sechs verschiedene, breit gefächerte Beweise aufgezählt, die den Leser davon überzeugen sollen, dass Frau Merkel die AfD gegründet hat. Es lässt sich erkennen, dass die Stützen der Argumente anfangs glaubwürdig und plausibel gestaltet sind, zum Ende hin jedoch immer unglaubwürdiger und übertrieben werden. Spätestens in dem letzten Abschnitt, in dem Frau Merkel Frau Petry SMS mit Notizen und Anweisungen schreibt, erkennt der Leser die Hyperbel als zugespitzte Satire. Wo die Argumente meist ähnlich klingen, sind die Beweise breit gefächert und decken viele Teile der sozialen Medien ab, die als Beweismaterial möglich sind.

Der Höhepunkt der Satire befindet sich im letzten Abschnitt des Textes: „Bereits zur Bundestagswahl 2017 könnte nach ersten Plänen die Tarnung nach einem Traumergebnis der AfD aufgegeben werden und Merkel beide Parteien unter ihrem Vorsitz vereinen. Zusammen mit der bereits in den 90ern durch CDU-Maulwurf Gerhard „Genosse“ Schröder unterwanderten und inzwischen handzahmen SPD könnte so eine Superpartei entstehen, die Merkels Macht für die nächsten 25 Jahre sichert.“ (Postillon, 2016)

Alles in allem lassen sich wenig breit gefächerte Argumente, aber viele unterschiedliche Beweise erkennen. Es besteht trotzdem ein roter Faden, auch in Satiretexten, der auf These, Argument, Stütze und schließlich Fazit aufbaut. Zusammengefasst lässt sich sagen, dass die Prämissen zwar plausibel und gültig erscheinen, sofern man sie ohne Vorwissen betrachtet, allerdings nicht wahrheitsgemäß sind. Denn gültig sind sie in der Hinsicht, dass es zwar sein kann, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel kritische Bürger ruhigstellen will, allerdings vor dem Hintergrund der AfD und in ihrem Kontext gesehen, sind die Prämissen nicht wahrheitsgemäß. Und folglich sind es auch die These bzw. die Argumente nicht. Dieselbe Methode lässt sich auch anhand von den aufgezählten Stützen zeigen, denn obwohl es plausibel und gültig erscheint, dass ein Foto von einem Treffen in einer Berliner Bar auftaucht, so ist es nicht wahrheitsgemäß. Zwischen diesen zwei Begriffen muss also differenziert werden, denn „gültig“ und „plausibel“ betrachten wir zwar auf der inhaltlichen Seite, allerdings ohne Vorwissen und Kontext, während wir bei dem Begriff „wahrheitsgemäß“ sowohl das Vorwissen, als auch den Kontext miteinbeziehen. Es ist also wichtig, beim Lesen von Satiretexten ein gewisses Vorwissen zu besitzen, da ohne dieses Vorwissen der Artikel und die Argumentation als glaubwürdig erscheinen könnten. Denn kennt sich jemand nicht mit Politik und der Alternative für Deutschland aus, so kann es möglich sein, dass man die Argumentation sowohl als gültig, als auch als wahrheitsgemäß betrachtet.

Da wir uns in der Gruppe darüber jedoch einig waren, dass man den Sarkasmus und die Ironie spätestens im letzten Abschnitt erkennen muss, haben wir zwischen „gültig“ und „wahrheitsgemäß“ differenziert. Es spielt also nicht nur eine Rolle, wie der Text und die Argumentationsstrategie aufgebaut sind, sondern auch die Verknüpfung zum Leser und wie weit sein Vorwissen reicht.

©Anna Stöckl, Florian Linder, Rouven Lutz, Yannik Wielinger, Tom Ehrhardt

Die `Causa Böhmermann` – Journalisten im Argumentationszwang

Politik ist immer polarisierend und seit jeher durch die Redekunst geprägt. Nicht selten erlangt Macht, wer rhetorisch gewandt ist, nicht etwa der, der die beste Idee hat. Nein, im Großen und Ganzen steht und fällt der Erfolg aller Politiker*innen damit, sich selbst gut zu präsentieren, sich quasi gut zu verkaufen.
Seit die Medien den Massen zugänglich und eine Flut an Informationen jederzeit für alle Welt einsehbar geworden ist, hat sich auch die politische Selbstdarstellung deutlich gewandelt. Einerseits wurde die Präsentation durch die vielen Wege der Veröffentlichung vielfältiger, andererseits erschwert gerade dies es den Rezipierenden häufig, sich einen wahrheitsgemäßen Überblick zu verschaffen.
Nahezu jede denkbare Positionierung findet ihre Darstellung in den Medien und vor allem Online. In den meisten Fällen werden Artikel noch durch eine Vielzahl an Kommentaren ergänzt und – liest man diese Kommentare mit – gewissermaßen auch verändert. Durch den Eingriff der Rezipierenden schwingt nicht mehr alleine die Autorenintention in dem Geschriebenen mit, sondern den Lesenden werden direkt mögliche Interpretationen und Lesarten, Kritik und Zustimmung mitgeliefert.
Im Folgenden werden die Argumentationsstrukturen am Beispiel der Böhmermann-Affäre in den Kommentaren verschiedener Zeitungen untersucht, um so gegebenenfalls bestimmte Positionierungen zu erkennen und heraus zu stellen, wie die jeweilige Argumentationsstruktur die Lesenden beeinflusst und zu deren Meinungsbildung beiträgt.

Die ‚Causa Böhmenmann‘ – Journalisten im Argumentationszwang
Wer andern eine Grube gräbt…

Behaglich hatte es der selbsternannte „blasse, dünne Junge“, heute national bekannt als „Staatsaffäre Jan Böhmermann“, in seinem Spartensender ZDF neo. In amerikanischer Late-Night-Manier, und doch fernab des allzu großen Publikums, ließen ihn die Intendanten des Senders auf rundfunkgebührenfinanzierter Basis seine mal besseren, mal schlechteren Späße treiben. Wer Böhmermanns Treiben aus dem Augenwinkel betrachtet hat, war sich sicherlich zweierlei Dinge bewusst: Er befand sich, trotz unpopulärer Sendezeit und Sendeort, nicht zuletzt aufgrund seiner Internetpräsenz auf einem aufsteigendem Ast. Und dass nicht nur er, sondern auch andere Satire-Formate mit Vorliebe Politiker auf den Arm nahmen, siehe die Sache mit Varoufakis oder das Video der extra3-Redaktion, das wohl als Urvater Böhmermanns derzeitiger medialer Omnipräsenz gelten darf: Dem Gedicht „Schmähkritik“, vorgetragen in der Sendung „Neo Magazin Royal“ am 31. März 2016.

Rock the Casbah

Wegen des sich anbahnenden, alljährlichen Sommerlochs, das allem Anschein nach nur von der königlichen Garde der Fußballreporter vor so uninteressanten Themen wie TTIP gerettet werden konnte, erwachten viele Journalist*innen verzückt aus ihrem unzyklischen Winterschlaf: Da war er endlich, der langersehnte Skandal! Da hat der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan, statt sich über die endlich publik werdende richtige Aussprache seines Namens zu freuen, doch tatsächlich besagten Jan Böhmermann angezeigt! Und weil die Beleidigungen so tief saßen, schlug das Staatsoberhaupt einen Weg ein, der wohl für die größte Überraschung sorgte: Er klagte nicht nur auf dem zivilrechtlichen Weg, nein, seine überaus fähigen Anwälte kramten einen deutschen Paragrafen hervor, den die deutschen Jurist*innen die letzten Dekaden äußerst stiefmüttlerlich behandelt haben. Da geht es doch tatsächlich um Majestätsbeleidigung, irgend eine Diplomatenfloskel.

Fakt ist: Alles, was Erdoğan tut, ist legitim und rechtens. Da hat sich Böhmermann etwas eingebrockt, das jedem*r deutschen Bürger*in widerfahren kann, der*die andere beleidigt. Über den satirischen Rahmen des Gedichts müssen Gerichte verfahren, was soweit wohl kaum eine Stellungnahme der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel hervorgerufen hätte. Wäre da nicht dieser verflixte Paragraf 103. Dieser wiederum untersteht dem Paragrafen 104a, der vorsieht, dass die Bundesrepublik die Strafverfolgung zulässt – oder eben nicht.

Ja klar, äh nein, ich mein‘ – Jein!

Einem Politiker oder einer Politikerin kann wohl kaum etwas Unangenehmeres geschehen, als sich vor quasi versammeltem Volk zu einer Frage mit einem „Ja“ oder

„Nein“ positionieren zu müssen. Es ist nicht so, dass sich nur die Menge an Böhmermann-Fans für den Fall interessiert. Der abstrakte Begriff der Kunstfreiheit wurde neben der persönlichen Haltung gegenüber Böhmermann der wohl zentralste Begriff der Diskussion – und erfasste alle Bürger*innen jeglicher Schichten in der Republik. Und als Angela Merkel am 15. April 2016 bezüglich der Affäre verkündete, dass die Strafverfolgung aufgenommen und der Paragraf der altertümlichen Majestätsbeleidigung bis 2018 abgeschafft werden solle, war die Diskussionsflut in Deutschland kaum mehr zu bremsen: Merkel als Volksverräterin hier, Merkel als

Verteidigerin der Gewaltenteilung da. #freeboehmi schallt es durch die Weiten des Webs, auch wenn Jan Böhmermann seine selbst beschlossene mediale Auszeit (wenn auch unter Polizeischutz) noch auf freiem Fuß genießt.

So wenig, wie die Kanzlerin eine allseits zufriedenstellende Entscheidung hätte treffen können, kann es überhaupt irgendwer. Da die Diskussion so allgegenwärtig und leidenschaftlich geführt wurde, sahen sich auch die Journalist*innen diverser Tageszeitungen und -zeitschriften gezwungen, abseits der seriösen Berichterstattung, den Beschluss der Kanzlerin subjektiv zu bewerten. In den Kommentarspalten lokaler bis nationaler Presseorgane spiegelt sich seither die Denkwelt der Deutschen in Bezug auf die Böhmermann-Affäre wieder. In geschriebener Form entwickeln die Journalist*innen Thesen und Theorien und reihen Argumente aneinander, um ihren Standpunkt zu der Aussage Merkels plausibel zu gestalten und das Verständnis des Lesenden zu erhaschen. Wer auch immer hierzu in einem öffentlichen Rahmen Stellung bezieht, sollte beim Abwägen der Argumentation und der Wortwahl höchst penibel vorgegangen sein, schließlich kann hier mittlerweile irgendwie jeder mitreden. Zumindest möchte man das meinen – eine Antwort birgt der Blick in die nun folgenden Kommentare.

Stern: „Warum Merkel schlauer ist als der schrille Rest“

Sophie Albers Ben Chamo, Redakteurin für Kultur, Gesellschaft und Israel-Themen, möchte im „stern“ beweisen, warum Merkel schlauer als der Rest ist. Da die Grundlage, warum Merkels Entscheidung überhaupt nicht unverständlich sein dürfte, schon jemand anderes klug formuliert hat, zitiert sie ihren Kollegen Sascha Lobo:

Ihr denkt also, dass Merkel die Gewaltenteilung hätte missachten sollen, um gegen Erdogans Missachtung der Gewaltenteilung zu protestieren?

Natürlich kann man auch an dieser nicht weit ausgeholten These einiges kritisieren, wenn man denn möchte. Dies soll jedoch nicht weiter Gegenstand der genaueren Betrachtung sein. Albers Ben Chamo zitiert, und das ist gut so. Und sie zitiert fleißig, so auch den Kollegen und Rechtsexperten Heribert Prantl, auf dessen Wissen sie in der Verteidigung der Abschaffung des Paragrafen 103 zählt. So schnell ist Merkels Clou skizziert: Als rechtschaffene Demokratin war es notwendig, das Verfahren zuzulassen, und die Wahrung deutscher Interessen sichert sie durch den Wegfall des besagten Paragrafen, der das Verfahren früher oder später nichtig machen wird. Der Weg ist geebnet für ein Fazit. Die Souveränität der Kanzlerin bleibt bestehen, die zivilrechtliche Klage wird für Böhmermann schon gut ausgehen und Erdoğan steht so oder so am Ende als Verlierer da.

In ihrer Argumentation hat sich die Autorin nicht allzu weit aus dem Fenster gelehnt. Was sie schreibt, ist nachvollziehbar und nach jeweiligem Ermessen des Lesers mehr oder weniger plausibel. Wäre sie nur ähnlich vorsichtig vorgegangen mit dieser Formulierung!

„Denn bei aller Komplexität des Falles beweist Merkel zudem mal wieder mehr Weitsicht und Sachverständnis als der schrille Rest.“

Dort stehen also die beiden begriffsbreiten Wörter „Weitsicht“ und „Sachverständnis“ zwischen zwei ziemlich subjektiven Aussagen, Die gute Merkel vs. Der merkwürdige Rest. Das ist argumentativ nicht völlig falsch, bloß lässt das Medium nur bedingt Austausch zwischen Leser*in und Autorin zu. In einem Gespräch könnte man erfragen:

„Warum mal wieder?“ Und das ist leider eine Verständnisproblematik, die sich durch den Kommentar schleicht.

In der tagtäglichen Argumentation ist es nicht unüblich, sogenannte Prämissen unerwähnt zu lassen, die für das Verständnis des Arguments notwendig sind. Dies ist in vielen Fällen unproblematisch, da sich einige Dinge aus dem Weltwissen erklären lassen. Hubert Schleichert erklärt das Phänomen an folgendem Beispiel:

Man argumentiert korrekt, aber enthymematisch, wenn man sagt: Sokrates ist sterblich, denn er ist ein Mensch. Durch explizites Hinzufügen des nur im Geiste (en thymo) formulierten, aber nicht ausgesprochenen Arguments Alle Menschen sind sterblich wird daraus die Standardform eines korrekten logischen Schlusses: Alle Menschen sind sterblich; Sokrates ist ein Mensch; also ist Sokrates sterblich. Bei Bedarf kann eine enthymematische Argumentation durch Hinzufügen der fehlenden Argumente also stets auf die Form eines vollständigen Schlusses gebracht werden. 

In: Schleichert, Hubert: Wie man mit Fundamentalisten diskutiert, ohne den Verstand zu verlieren. Anleitung zum subversiven Denken. München 20055, S. 17.

Albers Ben Chamos Argumentation kann von Lesenden nachvollzogen werden, die – wie sie in genannter Aussage voraussetzt – mit Merkels Regierungsstil einverstanden sind. Da der Artikel, der nur wenig eigene Argumentation aufweist, hauptsächlich auf der Annahme beruht, dass Merkel „mal wieder“ gut gehandelt habe, wird er wenig überzeugend sein für diejenigen, die Merkels Beschluss kritisch gegenüber stehen.

Wollte man die fehlende Prämisse ergänzen, sodass eine (nach Sokrates) widerspruchsfreie Konklusion entsteht, so müsste die Autorin erklären, weswegen Merkel oft gut gehandelt hat. Dass der Raum, den die Tageszeitungen den Kommentaren einräumt, begrenzt ist, ist als sehr wahrscheinlich anzunehmen. Somit würde es den Rahmen sprengen, eine Biographie Merkelscher Entscheidungen einzufügen. Dennoch würde ein Hinweis, etwa Verweise auf eventuell vergangene Artikel der Autorin oder externe Links, die das Argument unterlegen, dieser Problematik entgegenwirken.

http://www.stern.de/politik/deutschland/jan-boehmermann–merkel-ist-schlauer-als-der-poebelnde-rest-6800742.html zuletzt abgerufen am 29.06.2016.

Tagesspiegel: „Auf die Haltung der Kanzlerin ist kein Verlass Es gibt Gründe für die Entscheidung Merkels in der Causa Böhmermann. Aber eine andere Entscheidung wäre möglich gewesen. Und nötig.“

Bereits die Überschrift des Kommentars weist deutlich darauf hin, dass der Autor nicht hinter der Entscheidung Merkels steht, die Strafverfolgung Böhmermanns zu unterstützen. Einen inhaltlichen Rahmen erhält der Kommentar vor allem durch zwei sich ähnelnde Argumente, eines zu Beginn und eines am Ende, die im Folgenden genauer Betrachtet werden. Zwischen diesen beiden Argumenten, die anscheinend der Meinung des Autors entsprechen, werden einige mögliche negative Auswirkungen der Entscheidung Merkels angesprochen. So unter anderem die völlig veraltete Grundlage, eine Spaltung der Nation oder der Schaden für das Ansehen der Türkei. Es wird suggeriert, dass die Kanzlerin wider die Meinung der Bevölkerung handelt und sich damit nicht nur sämtliche Chancen auf eine Wiederwahl verspielt, sondern vor allem der AfD den Weg vor den nächsten Wahlen ebnet.

Wenn es nur um Recht und Gesetz gegangen wäre, wie die Bundeskanzlerin mit allen ihren Worten nahezulegen versucht hat – dann wäre es ihr genauso möglich gewesen, die deutsche Justiz nicht von staatlicher Seite aus zur Strafverfolgung gegen den ZDF-Moderator Jan Böhmermann zu ermächtigen.

Die Aussage vermittelt den Eindruck, dass es der Kanzlerin bei ihrer Entscheidung niemals (nur) um Recht und Gesetz gegangen sei, da sie ja offensichtlich bessere Entscheidungsalternativen gehabt hat. Dem Rezipienten wird vermittelt, dass hinter der getroffenen Entscheidung Merkels eine ganz andere Motivation steht, als die von ihr genannte. Was ihre Gründe gewesen sein könnten bleibt offen. Insgesamt wird dadurch ein Gefühl von Unsicherheit geweckt. Gerade die Passage „…wie die Bundeskanzlerin mit allen ihren Worten nahezulegen versucht hat…“ weist darauf hin, dass alle Versuche, das gezeigte Verhalten zu erklären, sinnlos gewesen seien und nicht vertuschen können, was tatsächlich hinter dem Vorgehen steckt. Dass dabei den Rezipierenden kein Hinweis auf mögliche tatsächliche Gründe geliefert werden, scheint Absicht zu sein. Dies vermittelt den Eindruck, man könne – wäre man selbst nur gut genug informiert – ganz selbstverständlich wissen was, eigentlich hinter dem Ganzen steht. Zudem wird durch die vage Formulierung das Gefühl geweckt, den Entscheidungen der Kanzlerin nicht trauen zu können, da sie offensichtlich eine ohnehin schon medienträchtige Diskussion nutzt, um eigene Belange (?) durchzusetzen oder zu vertuschen.

„Ach, eines noch: Gewaltenteilung in Deutschland wäre auch ohne Merkels Kotau gewährleistet. Der Rechtsstaat wird seiner Aufgabe gerecht, die Justiz kann Recht sprechen, so viele Strafanzeigen, wie bei der Staatsanwaltschaft Mainz eingegangen sind, darunter die von Erdogan – rechtlich nimmt das Verfahren seinen Lauf. Darauf kann man vertrauen. Auf die Haltung der Kanzlerin nicht.“

Das abschließende Argument scheint auf den ersten Blick wie eine fast vergessene Randbemerkung. Doch bei genauerer Betrachtung wird deutlich, dass das genaue Gegenteil der Fall ist: Zum Ende des Kommentars wird das Anfangsargument nochmal aufgegriffen und ein direkter Bezug zu der Überschrift hergestellt, die deutlich darauf hinweist, dass die Entscheidung Merkels anders hätte ausfallen müssen. Den Rezipierenden wird zum Abschluss suggeriert, dass Böhmermanns Verhalten in jedem Fall verfolgt wird und die deutsche Gewaltenteilung eben nicht auf das Eingreifen der Kanzlerin angewiesen ist, um Recht zu sprechen. Auch hier wird erneut die Haltung der Kanzlerin in Frage gestellt und die vorab geschaffene Unsicherheit bezüglich der wahren Motivation Merkels bietet hierfür einen fruchtbaren Boden. Es wird suggeriert, dass, betrachtet man das Ganze einmal logisch, Merkel ja offensichtlich etwas zu vertuschen versucht. Welche Gründe sollte es sonst für ihre Einmischung in ein Verfahren geben, dass ohne sie den exakt gleichen Verlauf genommen hätte? Ohne auch nur ansatzweise anzudeuten, was nach Meinung des Autors hinter Merkels Verhalten stecken könnte wird dem Lesenden vermittelte, dass der Kanzlerin nicht zu trauen ist und ihre Entscheidung nicht nur unnötig, sondern – so die möglichen Folgen die im Kommentar aufgeführt werden – für alle Beteiligten schädlich sei.

http://www.tagesspiegel.de/politik/merkel-und-boehmermann-auf-die-haltung-der-kanzlerin-ist-kein-verlass/13455164.html zuletzt abgerufen am 29.06.2016.

Zeit: „Ein fatales Signal“

Zunächst stellt die Autorin Carolin Ströbele dar, dass Merkels Entscheidung, den Fall Böhmermann an die deutsche Justiz zu übergeben, für Böhmermann selbst kaum einen Unterschied mache, da gegen diesen ja sowieso ermittelt werden müsse. Hierbei unterschlägt sie allerdings die Möglichkeit einer weitaus höheren Bestrafung, die Artikel 103 StGB bei einer Verurteilung mit sich bringen könnte. Mit dem Nebensatz „… wird der Prozess gegen ihn höchstwahrscheinlich mit einem Freispruch enden“ stellt sie das Verfahren gegen Böhmermann bereits ein, legt sich allerdings mithilfe des Einschränkungsoperators „höchstwahrscheinlich“ nicht komplett fest. Dieser Schachzug mildert die Schwere der Ermittlungen gegen Böhmermann, trotz eigentlich noch unklarem Ausgang, extrem ab.
In dem Kommentar wird die häufig artikulierte Befürchtung des Verlusts der Kunst- und Satirefreiheit nach Merkels Entscheidung mehrfach aufgegriffen und hinterfragt. Die Autorin missbilligt, dass sich Merkel mit den Worten „bewusst verletzend“ persönlich zu Böhmermanns Schmähkritik geäußert habe und unterstellt ihr damit das Einmischen der Politik in Geschmacksfragen. Eine eigene Meinung stehe Merkel selbstverständlich zu, nicht aber die öffentliche Äußerung dieser. Warum dieses Einmischen immer einen unguten Beigeschmack habe, verdeutlicht sie anhand einer vergangenen Debatte zwischen Kunst und Politik (Verweis auf Klaus Staeck und Hans-Dietrich Genscher 1974). Hier wird also eine Verbindung von einem vergangenen zu einem aktuellen Vorfall gezogen, die Ströbele beide zu Lasten der Politik interpretiert und somit ihre Meinung, nämlich keine Einmischung der Politik in Kunstfragen, untermauert.

Weiterhin hält die Autorin fest, dass Merkel aus dieser Affäre beschädigt herausgehen werde, da sie vor dem türkischen Präsidenten eingeknickt sei und die Kunst- und Satirefreiheit auf dem Altar des politischen Pragmatismus geopfert habe. Diese Urteilsfällung bezüglich Merkels Zukunft wirkt endgültig und manipulativ, da Ströbele die Schädigung Merkels nur subjektiv annimmt und nicht beweisen kann.

Abschließend verdeutlicht Ströbele nochmal, dass der Fall Böhmermann gerade für die Wichtigkeit der Kunst- und Satirefreiheit maßgeblich sei, da Satire in Deutschland ganze Regierungen auf Trapp halte. Folglich stärke die Causa Böhmermann die Kunstfreiheit, da sie in die politische Historie eingehen werde. In diesem Kommentar wird häufig mithilfe subjektiver Prophezeiungen gearbeitet, die wie unanfechtbare Tatsachen angeführt werden und die Lesenden auf diese Weise versuchen zu manipulieren.

Bezüglich der Herangehensweise die in diesem Kommentar verwendete Argumentation zu betrachten, kann gesagt werden, dass sich eine induktive Methode als empfehlenswert herausstellte. Hierbei geht es darum, durch die Analyse einzelner Textstellen einen allgemeinen Schluss zu ziehen. Gegensätzlich hierzu gibt es die deduktive Herangehensweise, also beispielsweise allgemeine Theorieansätze auf einen bestimmten Text zu beziehen. Der Versuch, die in der Einleitung erwähnte Toulmin-Theorie auf diesen Kommentar anzuwenden, scheiterte, da das Erkennen und Filtern von Schlussregeln sowie deren Argumenten erheblicher Übung bedarf. Weiterhin ist dieser Kommentar, was übrigens auch für viele andere Kommentare gilt, definitiv nicht nach dem Vorbild einer linguistischen Argumentationstheorie aufgebaut, also fehlen häufig Bestandteile dieser.

http://www.zeit.de/kultur/film/2016-04/jan-boehmermann-entscheidung-merkel-strafantrag-kunstfreiheit-kommentar

Welt: „In der Bosporus-Falle auf einem Schmutzreim ausgerutscht“

„Die Geschichte vom langsamen Niedergang von Bundeskanzlern wiederholt sich offenbar gelegentlich. Mal als Tragödie, diesmal wohl als Farce.“

Es wird suggeriert, der Untergang der Kanzlerin ist zum Greifen nahe und quasi schon in vollem Gange. Dem Rezipient wird unmissverständlich klar gemacht, dass es längst in aller Munde ist, dass die Kanzlerin nicht mehr in der Lage ist, das Land zu regieren und alles was unter ihrer Herrschaft folgt, eine Farce ist. Es wird von einem langsamen Niedergang und nicht von einem plötzlichen gesprochen, was der Kanzlerin wohl mehr Fehler einräumt, als die Causa Böhmermann, um die es hier eigentlich geht. Solche Niedergänge hätten sich offensichtlich in der Vergangenheit gehäuft, worauf aber nicht eindeutiger eingegangen wird. Dem Rezipient wird wieder suggeriert, jeder wüsste, dass es mit Staatsoberhäuptern nun mal öfter so tragisch oder als Farce zu Ende geht, was hauptsächlich durch das Wort „offenbar“ vermittelt wird. „Offenbar“ zeigt hier eine vermeintliche Selbstverständlichkeit an, die auf die Plausibilität der darauffolgenden Aussage appelliert und eine Absurdität der Aussage ausschließt, denn „es ist ja offensichtlich so wie es hier gesagt wird“.

„Sie [die Kanzlerin] winkt nach dem Paragrafen gegen Majestätsbeleidigung ein Strafverfahren gegen den ZDF-Dichter [Böhmermann] durch, der im Höchstfalle zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt werden könnte – so viel steht auch auf das Leugnen des Holocaust.“

 Dem Rezipienten wird hier die Kanzlerin erneut als Sündenbock vorgestellt, die quasi im Alleingang sein Urteil unterschreibt. (Sie alleine winkt es durch) Es wird außerdem das maximale Strafmaß für Böhmermann in dieser Sache mitgeteilt, um zu zeigen, was für große Konsequenzen dieses Durchwinken hat. Dies wird mit einem Strafmaß für ein möglichst absurdes und ernstes Vergehen verglichen – dem Leugnen des Holocaust. Erneut wird dadurch die Absurdität der Handlung der Kanzlerin in den Vordergrund gehoben und die Plausibilität des Niedergangs unserer Kanzlerin unumstößlich gemacht.

http://www.welt.de/debatte/kommentare/article154423072/In-der-Bosporus-Falle-auf-einem-Schmutzreim-ausgerutscht.html Stand: 25.05.2016 – 9:45.

Fazit

Bereits in der einführenden Zusammenfassung zur „Causa Böhmermann“ fällt es nicht ganz leicht, Stil und Wortwahl neutral zu gestalten, sind doch auch wir den medialen Einflüssen ständig ausgesetzt und quasi gezwungen, uns eine Meinung zu bilden, uns irgendwie in dem ganzen Geschehen zu positionieren.

Ebenso scheint es den Autor*innen der hier betrachteten Kommentare zu gehen, die ein und denselben Fall aus unterschiedlichsten, immer auf die eigenen Bedürfnisse zurechtgestutzten Perspektiven beschreiben. Aus jeder der betrachteten Argumentationen geht eindeutig hervor, wie die Verfassenden einerseits persönlich zu der Debatte stehen, und welche Haltung sie andererseits auch von den Rezipierenden erwarten.

Sehr wohl dienen die unterschiedlichen argumentativen Vorgehensweisen also dazu, bestimmte Positionierungen zu verdeutlichen und die Lesenden dabei zu begleiten, sich eine „eigene“ Meinung zu bilden.

©Stefanie Herrmann, Alexandra Zürbes, Marc Huber, Svenja Prasche