Kommentare in Fernsehnachrichten

Wie schon der Titel unseres Seminars „Argumentieren in Text und Gespräch“ verrät, haben wir uns mit verschiedenen Formen von Argumentationen befasst. Wir haben versucht, über verschiedene geisteswissenschaftliche Disziplinen die Plausibilität von Argumenten begründen zu können und betrachtet, wie diese sprachlich realisiert werden. Dieser Blogbeitrag befasst sich mit einer besonderen Text- bzw. Gesprächsorte – dem Kommentar in Fernsehnachrichten. Vor allem aus den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern kennt man diese Beiträge zu kontroversen Themen. Nach einem Bericht oder einer Meldung zu einem bestimmten Gegenstand meldet sich ein Journalist oder Experte zu Wort und stellt seine Meinung zum Thema dar. Diese Textsorte ist insofern für unser Seminar wegen des eindeutig argumentativen Charakters relevant. Der Kommentierende vertritt eine These und versucht diese argumentativ zu begründen. Doch so einfach stellt sich die Situation nicht dar, denn im Nachrichtenkommentar findet die Argumentation unter ganz besonderen Umständen statt, die aus der Situation in den Fernsehnachrichten und den Besonderheiten des Mediums Fernsehen resultieren. Zum einen unterscheidet sich die Argumentation im Vergleich zu anderen Medien, dass die Argumentation mündlich vorgetragen wird. Weiter kann man sagen, dass die Kommentare selten ohne Kontext ausgestrahlt werden. Häufig sind sie in einen Beitrag zu einem passenden Thema eingefügt. Eine wesentliche Besonderheit ist, dass die These und die Argumente des Kommentierenden keiner direkten Gegenrede ausgesetzt sind. Zunächst steht der Kommentar im Beitrag für sich. Er wird häufig mit Phrasen wie „Hierzu ein Kommentar von Claus Kleber“ und abgeschlossen mit Sätzen wie zum Beispiel „es kommentierte Claus Kleber“. Der Kommentar steht für sich und wird durch die vor- und nachherigen Aussagen klar als ein solcher gekennzeichnet. Es stellt sich also die Frage, wie die Argumentation in Kommentaren in Fernsehnachrichten im Allgemeinen aufgebaut ist und welchen Einfluss die besondere Situation des Fernsehens auf den Aufbau der Argumentation hat?

Aus wissenschaftlicher Perspektive wären jetzt zwei Schritte sinnvoll, um die gestellten Fragen beantworten zu können. Zunächst sollten verschiedene Fernsehkommentare bezüglich ihres Aufbaus und der Argumentation hin verglichen werden, um dann klären zu können, welche Gemeinsamkeiten sich herauskristallisieren und sich womöglich verallgemeinern lassen. Dann sollte man im zweiten Schritt untersuchen, ob sich diese Eigenschaften der Fernsehkommentare auch bei anderen Text- und Kommentarsorten (z.B. in Zeitungen) finden oder ob sie als typisch für Kommentare im Medium Fernsehen gelten können.
Da man leider in einem Seminar zeitlich etwas begrenzt ist, werde ich im Folgenden nur auf den ersten Schritt eingehen. Hierzu habe ich einen Kommentar zur Böhmermann-Affäre von Frank Bräutigam, Journalist des SWR in Sachen Recht und Justiz, näher betrachtet, der am 15.04.2016 in den Tagesthemen auf einen Beitrag zum Thema Böhmermann folgte. (Der Kommentar ist unter folgendem Link zu finden: https://www.tagesschau.de/kommentar/boehmermann-ermittlungen-regierung-101.html) Die wesentlichen Ergebnisse meiner Analyse versuche ich dann in anderen Kommentaren aus Fernsehnachrichten, die sich mit beliebigen Themen befassen, wiederzufinden.

Frank Bräutigam vertritt in seinem Kommentar die These, dass im Fall Böhmermann die Entscheidung über den Umgang mit dem Gedicht des Satirikers durch die Justiz zu treffen sei. Diese These benennt er erst gegen Ende des Kommentars wörtlich, z. B. wenn er sagt „Also lasst die Justiz doch ihre Arbeit machen“ (zeit?). Die Argumentation, die seine These stützt, baut im Wesentlichen auf nur drei Argumenten auf. Zuerst argumentiert Bräutigam „Die Politik […] pfuscht der Justiz mit unabhängigen Gerichten nicht ins Handwerk. Stichwort: Gewaltenteilung“. Dabei geht er im Grunde von zwei Prämissen aus. Zum einen, dass es nach deutschem Recht in der Bundesrepublik die Gewaltenteilung gibt. Und zweitens, dass es gerecht ist, wenn das geltende Recht befolgt wird. Deshalb kommt er zur Konklusion, dass wenn es Gewaltenteilung gibt, auch die Justiz entscheiden muss, um ein gerechtes Urteil zu gewährleisten. Es fällt bei diesem Argument auf, dass einige Schlagwörter verwendet werden, die bestimmte Assoziationen wecken (in der Sprachwissenschaft spricht man von Frames). So wird zum Beispiel „Gewaltenteilung“ als grundlegendes rechtsstaatliches Prinzip so gut wie unkommentiert als implizites Argument verwendet.

Ähnlich funktioniert auch die Argumentation im zweiten wesentlichen Teil seines Kommentars. Das Argument „Denn wenn sie das nächste Mal in einem anderen Fall fordern: ‚Liebe Politiker, Hände weg von der Justiz!‘, dann ist das nicht mehr glaubwürdig“ beinhaltet eine implizite Argumentation, die von mehreren Prämissen ausgeht. Grob gesagt ist sein Argument hier, dass wenn wir glaubwürdig sein wollen, müssen wir das Urteil der Justiz überlassen. Dabei setzt er drei Prämissen voraus. Zum einen geht er von der Grundannahme aus, dass jeder glaubwürdig sein will („dann ist das nicht mehr glaubwürdig“). Darauf baut die Prämisse auf, dass man nur glaubwürdig ist, wenn man immer das gleiche fordert („wenn sie das nächste Mal in einem anderen Fall fordern“) und abschließend, dass in sonstigen Fällen eine unabhängige Justiz gefordert wird („das nächste Mal in einem anderen Fall fordern: ‚Liebe Politiker, Hände weg von der Justiz!‘“)

Auch das dritte Argument verweist auf eine implizite Annahme. Gegen Ende des Kommentars sagt Bräutigam „[Erdogan] würde dort beobachten können, wie ein Rechtsstaat funktioniert“. Darin verbirgt sich die Prämisse, dass wenn ein Rechtsstaat funktioniert, dann muss die Justiz ein Urteil fällen. Dies sei auch ein gutes Beispiel wie man in einem demokratischen und rechtsstaatlichen System verfahren sollte.

Auf diese drei Argumente stützt Frank Bräutigam seine These. Es fällt auf, dass sich die wesentlichen Argumente auf nur diese wenigen Punkte reduzieren und ein Großteil seines Kommentars keinen argumentativen Charakter hat. Dies mag wohl daran liegen, dass in der besonderen Situation im Fernsehen die Argumente mündlich vorgetragen werden. Damit die Zuschauer dieser Argumentation folgen können, wird sie auf die wesentlichen Punkte reduziert.

Als weitere Besonderheit der Situation im Medium Fernsehen haben wir festgehalten, dass es keine direkte Gegenrede gibt. Der Kommentar steht zunächst für sich und ist nicht Teil einer direkten Diskussion, sondern wird eher als Teil des gesamten Diskurs angesehen. Doch trotzdem wird im Kommentar sehr oft eine imaginäre oder tatsächliche Gegenposition geschaffen, die man dann mit seinen Argumenten zu widerlegen versucht. Diese Praxis zeigt sich hier im Besonderen an zwei Dingen. Zum einen konstruiert Bräutigam hier Gegensatzpaare ohne sie genauer zu definieren. Auf der einen Seite sagt er „finde ich“ oder „hätte ich eine Bitte“, während dem gegenüber „viele“, „Sie“ oder „Alle“. Von wem genau hier die Rede ist wird nicht definiert. Sie werden aber als Position entgegen der des Journalisten dargestellt. Weiter zitiert Bräutigam mehrere Aussagen, von denen weder belegt ist, wer sie gesagt hat bzw. ob sie je gesagt wurden. Beispiele sind „Erdogan soll sich hier nicht einmischen!“, „Ich möchte, dass die Bundesregierung darüber entscheidet, ob die Justiz loslegen darf oder nicht!“ oder „Liebe Politiker, Hände weg von der Justiz!“. Der Journalist schafft hier künstlich eine Gegenposition zu der seinen, um diese dann zu widerlegen und die Zuschauer so von der Stichhaltigkeit seiner Argumente zu überzeugen. Diese Technik wird in der Philosophie als Strohmann-Argument bezeichnet.

Beim Strohmann-Argument […] wird dem Diskussionsgegner eine Annahme unterstellt, die er in der zitierten Weise nicht vertreten hat bzw. nicht vertritt.“ (Benning/Falter/Freisfeld et al.,2011: 133)

Es fällt also insgesamt auf, dass in diesem Kommentar mit nur wenigen klassischen Argumenten (im Sinne der Argumentationstheorie) gearbeitet wurde. Stattdessen werden implizite Argumente und Bewertungen durch verschiedene Schlagwörter ausgedrückt. Zum Beispiel werden wertende Phrasen verwendet wie „ins Handwerk pfuschen“, aber auch Schlagwörter, die mit einem demokratischen und rechtsstaatlichen Selbstverständnis in Verbindung gebracht werden sollen, wie „glaubwürdig“, „Gewaltenteilung“, „Rechtsstaat“ oder „unabhängig“ fallen. Es gibt nur wenige bis gar keine echten Fakten, Beispiele oder Belege für die Argumentation. An deren Stelle treten pathetische Appelle („Mal einen Schritt zurücktreten“ oder „dreimal laut sagen“ Überprüfen). Gerade zu Beginn wird eine Phrase verwendet die meiner Meinung nach für den Kommentar keinerlei Funktion oder Inhalt darstellt. „Das Schöne an Satire ist ja diese zweite Ebene – der Blick dahinter“ ist ein Satz der zwar zunächst gut durchdacht klingt, aber für mich keine ersichtliche Bedeutung oder Zusammenhang zum Thema hat. Auch die Aussage, die dahinter stehen soll, wird mir nicht klar.

An dieser Stelle müsste nun der zweite Schritt des wissenschaftlichen Arbeitens ansetzen. Wie schon eingangs erwähnt, gilt es jetzt die Ergebnisse mit Kommentaren aus anderen Medien zu vergleichen und die empirischen Ergebnisse normativ zu bestätigen. Außerdem müsste man, um die Ergebnisse verifizieren zu können deutlich mehr Kommentare auswerten. Trotzdem kann man sagen, dass die besondere Situation des Fernsehens schon einen besonderen Einfluss auf die Zahl der Argumente und deren sprachliche Ausgestaltung hat. Ob sich dies bei weiteren Kommentaren bestätigen lässt, ist noch zu überprüfen.

©Manuel Kasper

Literatur- und Quellenverzeichnis

  • Kommentar zur Böhmermann-Affäre von Frank Bräutigam (SWR), in „tagesthemen“ vom 15.04.2016: „Der Justiz nicht ins Handwerk pfuschen“ abrufbar unter: https://tagesschau.de/kommentar/boehmermann-ermittlungen-regierung-101.html
  • Benning, Victoria/Falter, Isabell/ Freisfeld, Adrienne et al. (2011): Argumentationsanalyse von Kommentaren in einem Forum der BBC zum Rauchverbot. In: Behrens, Leile/Stieghorst, Florian (Hrsg.): ARBEITSPAPIER NR. 56 – Argumentieren im Internet – Zwei argumentationstheoretische Analysen. Inst. für Linguistik, Allg. Sprachwiss. Köln. 117-186.

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