Argumentation in der Satire

Die Kunstform der Satire taucht zwar schon in dem Mittelalter auf, allerdings wurde sie erst im letzten Jahrzehnt bei den Menschen populär. Im Rahmen des Seminars „Argumentation in Text und Gespräch“ spezialisierte sich unsere Gruppe auf einen Text in der Satire. Da wir alle außerdem Politikwissenschaft studieren, wählten wir einen Satiretext über die Alternative für Deutschland, der im April 2016 im Postillon veröffentlicht wurde.

(Quelle: http://www.der-postillon.com/2016/04/afd-in-wahrheit-von-merkel-gegrundete.html)

AfD in Wahrheit von Merkel gegründet Fake-Partei um Volk ruhigzustellen

Mit Hilfe der Beweise, die dem Postillion vorliegen, sei der Erfolg der AfD in Deutschland zu erklären. Die AfD sei, laut dem Blatt, von Angela Merkel persönlich gegründet worden. Das Ziel dieser Maßnahme sei es, parteiinterne Kritiker und kritische und besorgte Bürger ruhigzustellen. Der Zeitung liegen Ordner, Aufzeichnungen und die originalen Gründungspapiere der Partei vor, die diese These unterstützen. Des Weiteren seien Fotos aus dem Jahr 2013 aufgetaucht, die das Gründungstreffen dokumentieren sollen.

Außerdem soll die AfD A. Merkel dazu dienen, ihre Kontrolle zu sichern. Bei Politikfeldern, die außerhalb des Rahmenprogramms der Union liegen, soll die AfD unterstützend wirken, damit A. Merkel nicht die Kontrolle über die Wählerschaft verliere. Dies wird mit einer Passage aus den Gründungspapieren der AfD im Artikel belegt.

Darüber hinaus liegt dem Postillion eine Aussage eines Mitarbeiters des Innenministeriums vor, der die These, dass die AfD von A. Merkel gegründet worden sei, ebenfalls bestätigt. Laut diesem Mitarbeiter sollten parteiinterne Eurokritiker der Union mit Hilfe der AfD zum Schweigen gebracht werden. Außerdem behauptet er, dass der Führungswechsel der AfD auf Vorschlag von A. Merkel vollzogen wurde, da Bernd Lucke 2015 nicht den Wünschen von A. Merkel gefolgt sein soll. Lucke hatte sich dagegen gesträubt, die Partei während der Flüchtlingskrise rechter auszurichten. Dies führte dazu, dass die Parteiführung zu Frauke Petry und Jörg Meuthen wechselte. Außerdem berichtet der Mitarbeiter, dass provokante Aussagen der Partei von A. Merkel persönlich an die AfD weitergeleitet wurden. Laut Postillion besteht die Möglichkeit, dass Merkel ihre Macht mit Hilfe einer Partei-Verschmelzung bei den Bundestagswahlen 2017 zu einer weiteren Machtsicherung von 25 Jahren führen kann.

(Quelle: http://www.der-postillon.com/2016/04/afd-in-wahrheit-von-merkel-gegrundete.html)
Bevor wir verschiedene Theorien unter die Lupe genommen und eine Analyse unseres Artikels durchgeführt haben, überlegten wir uns drei Fragestellungen, auf die wir in der Analyse eingehen wollen.

Zum einen wollten wir untersuchen, inwiefern Satiretexte Argumente glaubhaft erscheinen lassen. Des Weiteren zielte die Untersuchung darauf ab, zu erkennen, wie Ironie, Sarkasmus, Witz und Übertreibungen dazu beitragen. Zuletzt sollte gezeigt werden, dass es auch in der Satire einen roten Faden in der Argumentation gibt. Um nun theoretische Grundlagen für die Analyse zu schaffen, haben wir einen Blick auf verschiedene Theorien in der Argumentation geworfen. Viele Modelle ließen sich allerdings nicht auf Satiretexte anwenden. Das Toulmin-Schema in der Argumentation enthält allerdings einige Aspekte, von denen wir Gebrauch machen werden.

Das Toulmin Schema

Der Syllogismus bildet die Grundlage unseres Argumentierens. Er besteht aus Prämissen (Voraussetzungen) und einer Konklusion (Schlussfolgerung).

 

Aristoteles schrieb in der Nikomachischen Ethik: „Wenn man nämlich weiß, dass leichtes Fleisch gut verdaulich und gesund ist, nicht aber weiß, welches Fleisch leicht ist, so wird der nicht die Gesundheit schaffen können; das wird eher jener können, der weiß, dass das Geflügelfleisch leicht verdaulich ist.“ (Aristoteles, Nikomachische Ethik, 1141b, 14-20)

 

Das lässt sich dann wie folgt darstellen:

  1. Leichtes Fleisch ist gut verdaulich und gesund.
  2. Geflügelfleisch ist leichtes Fleisch.
  3. Also: Geflügelfleisch ist gut verdaulich und gesund

 

Das bedeutet, dass die Wahrheit der Schlussfolgerung auf der Wahrheit der Prämissen basiert und der Schluss logisch korrekt gezogen wurde. Nehmen wir mal das Beispiel:

 

  1. Alle Menschen sind sterblich. (Prämisse, Obersatz)
  2. Angela Merkel ist ein Mensch. (Prämisse Untersatz)
  3. Angela Merkel ist sterblich. (Schlussfolgerung)

 

Wenn wir jedoch folgendes Beispiel verwenden, stellen wir fest, dass die Schlussfolgerung nicht korrekt ist.

 

  1. Alle Enten haben zwei Beine.
  2. Angela Merkel hat zwei Beine.
  3. Angela Merkel ist eine Ente.

 

 

Als Beispiel für das Argumentationsschema von Stephan Toulmin haben wir folgende Darstellungsform gewählt:

 

Lisa ist eine gute Schülerin (Argument), deshalb (Schlussfolgerung, These) wird sie es im Berufsleben weit bringen, wenn nicht (Ausnahmebedingung) ihre Leistungen bis zum Abitur nachlassen. Denn (Schlussregel) wer ein guter Schüler ist, hat auch gute Chancen im späteren Berufsleben. Aufgrund von (Stützung der Schlussregel) Statistiken die den Zusammenhang von schulischer Leistung und Berufschancen belegen.

 

(Toulmin-Schema – Quelle: https://lehrerfortbildung-bw.de/faecher/ethik/gym/fb2/3_argument/1_stationen/l1/ )

 

Für die Vorgehensweise legte sich unsere Gruppe somit weder auf eine deduktive Herangehensweise, bei der man eine Argumentationstheorie auf verschiedene Texte anwendet, noch eine induktive Vorgehensweise, die eine Theorie aus den Texten zieht, fest. Somit analysierten wir unseren Text mit einer Verknüpfung aus Deduktion und Induktion. Aus dem Tulmin-Schema zogen wir die zwei Begriffe „gültig“ und „wahrheitsgemäß“ heraus. „Gültig“ bedeutet, in Bezug auf unseren Satiretext, dass Argumente dann gültig sind, sobald, ohne jegliches Vorwissen betrachtet, die These und die Prämissen plausibel sind. Der Begriff „wahrheitsgemäß“ grenzt sich ab, indem er mit genutztem Vorwissen die Satireargumentation untersucht und nach wahr und unwahr prüft.

Der im Postillon veröffentlichte Text wirft die Hauptthese auf, dass die Alternative für Deutschland von der Bundeskanzlerin Angela Merkel selbst gegründet wurde. Die These wird im Verlauf des Textes mit fünf Argumenten unterstützt.

Das erste Argument besagt, dass Angela Merkel damit kritische Bürger ruhig stellen wollte. Somit sollen besorge Bürger, wie das zweite Argument aussagt, „in einer Partei gebündelt werden, die voll unter der Macht von Merkel und Co. steht.“ (Postillon, 2016) Des Weiteren wird die These durch das Argument gestützt, dass Angela Merkel die Partei gegründet habe, damit sie die AfD auf einen anderen Kurs umschwenken kann, sobald sie eine große Wählerschaft habe. Das vorletzte Argument sagt aus, dass durch die Einführung der Partei, Wähler rechts von CDU/ CSU nicht verloren gehen, sondern die Alternative für Deutschland wählen. Mit dem letzten Punkt wird argumentiert, dass die Bundeskanzlerin „Eurokritiker in den eigenen Reihen loswerden“ wollte. (Postillon, 2016)

Anhand dieser Argumente lässt sich zeigen, dass es keine Pro-und Contra-Argumentation gibt. Es wird nur eine Seite beleuchtet und diese immer weiter gestützt und ausgeführt. Die aufgezählten Argumente sind in ihren Themengebieten nicht breit gefächert sondern in ihrem Inhalt ähnlich zueinander, wie zum Beispiel Argument 1 und Argument 5, die sich beide auf kritische Bürger beziehen. Im Verlauf des Textes wird die These, dass die Bundeskanzlerin Angela Merkel die Partei gegründet habe, immer weiter ausgebaut und es gibt keine Stelle in dem Artikel, die Gründe aufzeigt, warum sie es nicht getan haben soll.

Wirft man einen Blick auf die Beweise, bzw. die Stützen, die die Argumente noch weiter bekräftigen, so erkennt man, dass mit vielen verschiedenen Mitteln gearbeitet wird. So werden zum einen Aktenordner mit Aufzeichnungen und Gründungspapieren aufgezeigt, ein Foto vom Gründungstreffen in einer Berliner Bar im Jahr 2013 veröffentlicht, Augenzeugen zitiert und Zeilen aus dem Gründungsvertrag wiedergegeben. Als weitere Stütze dient ein Mittelsmann, der einen Mitarbeiter des Innenministeriums zu einer Aussage bewegt und schließlich eine SMS, die von Angela Merkel an Frauke Petry geschrieben wurde.

In dem Satiretext werden sechs verschiedene, breit gefächerte Beweise aufgezählt, die den Leser davon überzeugen sollen, dass Frau Merkel die AfD gegründet hat. Es lässt sich erkennen, dass die Stützen der Argumente anfangs glaubwürdig und plausibel gestaltet sind, zum Ende hin jedoch immer unglaubwürdiger und übertrieben werden. Spätestens in dem letzten Abschnitt, in dem Frau Merkel Frau Petry SMS mit Notizen und Anweisungen schreibt, erkennt der Leser die Hyperbel als zugespitzte Satire. Wo die Argumente meist ähnlich klingen, sind die Beweise breit gefächert und decken viele Teile der sozialen Medien ab, die als Beweismaterial möglich sind.

Der Höhepunkt der Satire befindet sich im letzten Abschnitt des Textes: „Bereits zur Bundestagswahl 2017 könnte nach ersten Plänen die Tarnung nach einem Traumergebnis der AfD aufgegeben werden und Merkel beide Parteien unter ihrem Vorsitz vereinen. Zusammen mit der bereits in den 90ern durch CDU-Maulwurf Gerhard „Genosse“ Schröder unterwanderten und inzwischen handzahmen SPD könnte so eine Superpartei entstehen, die Merkels Macht für die nächsten 25 Jahre sichert.“ (Postillon, 2016)

Alles in allem lassen sich wenig breit gefächerte Argumente, aber viele unterschiedliche Beweise erkennen. Es besteht trotzdem ein roter Faden, auch in Satiretexten, der auf These, Argument, Stütze und schließlich Fazit aufbaut. Zusammengefasst lässt sich sagen, dass die Prämissen zwar plausibel und gültig erscheinen, sofern man sie ohne Vorwissen betrachtet, allerdings nicht wahrheitsgemäß sind. Denn gültig sind sie in der Hinsicht, dass es zwar sein kann, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel kritische Bürger ruhigstellen will, allerdings vor dem Hintergrund der AfD und in ihrem Kontext gesehen, sind die Prämissen nicht wahrheitsgemäß. Und folglich sind es auch die These bzw. die Argumente nicht. Dieselbe Methode lässt sich auch anhand von den aufgezählten Stützen zeigen, denn obwohl es plausibel und gültig erscheint, dass ein Foto von einem Treffen in einer Berliner Bar auftaucht, so ist es nicht wahrheitsgemäß. Zwischen diesen zwei Begriffen muss also differenziert werden, denn „gültig“ und „plausibel“ betrachten wir zwar auf der inhaltlichen Seite, allerdings ohne Vorwissen und Kontext, während wir bei dem Begriff „wahrheitsgemäß“ sowohl das Vorwissen, als auch den Kontext miteinbeziehen. Es ist also wichtig, beim Lesen von Satiretexten ein gewisses Vorwissen zu besitzen, da ohne dieses Vorwissen der Artikel und die Argumentation als glaubwürdig erscheinen könnten. Denn kennt sich jemand nicht mit Politik und der Alternative für Deutschland aus, so kann es möglich sein, dass man die Argumentation sowohl als gültig, als auch als wahrheitsgemäß betrachtet.

Da wir uns in der Gruppe darüber jedoch einig waren, dass man den Sarkasmus und die Ironie spätestens im letzten Abschnitt erkennen muss, haben wir zwischen „gültig“ und „wahrheitsgemäß“ differenziert. Es spielt also nicht nur eine Rolle, wie der Text und die Argumentationsstrategie aufgebaut sind, sondern auch die Verknüpfung zum Leser und wie weit sein Vorwissen reicht.

©Anna Stöckl, Florian Linder, Rouven Lutz, Yannik Wielinger, Tom Ehrhardt

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